Regenpause

Es ist schon fast dunkel, ich bin zu früh dran. Man kann hier nur bergauf gehen, um sich die Zeit zu vertreiben. Die Stadt liegt zwischen Fluss und Berg, es ist ein Salzberg, in den schon die Kelten ihre Stollen getrieben haben. Die Stadthäuser werden nach unten hin breiter, sie stehen da wie wuchtige alte Damen mit prallen Einkaufstaschen. Winzige Fenster leuchten aus den dicken Mauern in die Dämmerung. Manche tragen die Narben der Zeit. Zerbrochene Fenster, modriger Geruch, verschmierte Türen. Hier wohnt niemand mehr.

Ich kenne die Wege in- und auswendig. Acht mühsame Schuljahre schleppte ich mich frühmorgens hinauf und rannte mittags hinunter, sechs Tage die Woche. Durch die Fußgängerzone, wo im ältesten Spielwarengeschäft aller Zeiten immer noch die Schaufensterdekoration aus den Achtzigern steht – verblichene Playmobil-Kinderträume. Der Besitzer war nie erfreut, wenn Schüler sein Heiligtum betraten. Zu unübersichtlich, zu vollgestopft, ein Spielwarenlabyrinth. Misstrauisch beäugte er uns, hätte uns am liebsten hinaus geworfen. Wir könnten ja was anfassen, dann würde im Dominoeffekt das ganze Sortiment durcheinanderpurzeln. Oder schlimmer, wir könnten etwas klauen. Wir gingen ohnehin nur hinein, um ihn zu ärgern. Weiter hinauf. Entweder durch den dunklen Torbogen, wo es nach Backstube roch, oder vorbei an der katholischen Kirche, wo wir beim jüdischen Krämer eine Schokobanane um einen Schilling zwanzig kauften. Er freute sich immer, wenn wir kamen. Wir durften sogar anschreiben. Heute ist sein Laden eine Fahrradwerkstatt. Vorbei an den zwei Kapellen. Eine echt gotisch und die andere, die barocke, erinnert an die Gefallenen eines Weltkrieges, ich glaube, des ersten. Dann kam die Modeschule und der kleine Park, in dem sich die Verliebten aus der Oberstufe zum Knutschen trafen. Vorbei am Heiligen Augustinus, der noch immer in seiner vergitterten Zelle ausharrt. Bergab gingen wir durch die schmale Krautgasse mit ihren geheimnisvollen Steinmauern, oder über die „Stiege“. Damals mussten wir aufpassen, um nicht durch abgebrochene Steinplatten ins Stolpern zu geraten. Die „Stiege“ war immer mit Abenteuer verbunden. Heute ist sie ordentlich betoniert. Der Weg führt am Bach entlang, der wild in einer kleinen Schlucht gluckert und dann in der Stadt zum Rinnsal wird. Manchmal nahmen wir auch den Umweg durch die Goldgasse, vorbei an dem Haus, auf dem Steintafeln mit den Rekordwasserständen des vorigen Jahrtausends eingelassen sind. Eine kleine Holzbrücke führt zu einem geschotterten Pfad. Über einen winzigen Durchgang kam man zum Geigenbauer. Auch er existiert längst nicht mehr.

Ich bücke mich, um nicht vom nassen Weinlaub, das sich über die Gasse rankt, gestreift zu werden. Der Regen beendet jäh seine Pause, und ich finde gerade noch Unterschlupf in der „Bäckergasse“, bevor die Wassermassen aus den schweren Wolken brechen.