Notizen aus Budapest

August 2011. Mittwoch. Frühstück im Partypark. Als ich gestern Abend hier entlang ging, tobte die Jugend. Heute klebt der Boden vom Alkohol. Scherben liegen herum. Skater trainieren ihre Tricks und fluchen, wenn sie nicht gelingen. Ein dicker, bärtiger Mann mit Videokamera setzt sich neben mich und stellt mir eine Frage, die Kamera auf mich richtend. Ich verstehe ihn zuerst nicht. Dann fragt er auf Spanisch, woher ich sei. Nachdem ich sage: „Austria“, zieht er enttäuscht ab. Manchmal weiß man nicht, womit man Menschen glücklich machen kann.

Die Windrichtung ändert sich und bestäubt mich mit feinen Tröpfchen des Springbrunnenwassers. Die Scherben sind fast alle aufgekehrt worden, einige sind liegen geblieben. Touristen wandern im Park herum, junge Leute ziehen sich aus und legen sich im Bikini auf die Wiese, obwohl der Wind und die regelmäßigen Springbrunnenduschen nicht allzu angenehm sind. Mein Frühstück bestand aus einer Nussschnecke und einem doppelten Espresso um gesamt 550 Forint. Die Birken im Wind winken am schönsten.

Donnerstag. Historisches Museum. Einen Moment lang herrscht in dem Raum völlige Stille. Und dann scheint es, als begännen die Statuen miteinander zu sprechen. Mein Blick fällt auf einen kleinen Mädchenkopf, der hinter einer Glasscheibe an der Wand hängt. Seine Augen sind geschlossen. Ich gehe ganz nah heran, um seinen Ausdruck zu finden und einzuatmen. Da bemerke ich die Aufpasserin, eine alte Frau, die regungslos auf ihrem Stuhl sitzt. Ich habe das Gefühl, sie hätte mich die ganze Zeit über beobachtet und heimlich über meine Faszination gelächelt. In dem Moment geht die Tür auf, und eine lärmende Familie dringt in den Raum. Die Magie der Statuen verstummt plötzlich, und ich verlasse fluchtartig den Raum.

Freitagabend. Ein Restaurant im V. Bezirk. Das Denken verlangsamt sich ab einem bestimmten Punkt fast bis auf null. Die Müdigkeit hat mein Gehirn gänzlich erfasst. Die Hingabe an die Geräusche der Umwelt mit totaler Missachtung ihrer Bedeutung erreicht ein sehr hohes Niveau. In diesem Moment steht völlig auf der Kippe, wann ich fähig sein werde, einen nächsten Schritt zu tun. Das Schweigen führt zur völligen Beruhigung der Nerven und zu absoluter Undurchlässigkeit nach innen, doch die Reaktionen der Umwelt geraten völlig außer Kontrolle. Es ist, als würde plötzlich ein Fels im Restaurant sitzen und genüsslich und mit spärlichsten Regungen seine Mahlzeit einnehmen. Die Menschen können mit speisenden Felsen im Allgemeinen relativ schlecht umgehen. Jeder, der selbst einmal als Fels in einem Restaurant war, egal wo, wird dies festgestellt haben. Es kommt durchaus vor, dass nach der Rückkehr in einen organisch-menschlichen Zustand die Person, die gerade noch felsartig erstarrt war, eine Erfrischtheit verspürt, als hätte sie ein Nickerchen gemacht.

Der Kellner bringt mir lauter Dinge, die ich nicht bestellt habe. Ein Stück Fleisch, das ich unbedingt probieren müsse, picksüßen Likör und ein Stück Kuchen zur Nachspeise. Aufs Haus, sagt er lächelnd. Später fällt mir ein, dass er mich für eine Restaurantkritikerin gehalten haben muss. Die einzige logische Erklärung für die seltsame junge Touristin, die allein zu Abend isst und dabei ständig in ein schwarzes Notizbuch kritzelt.

„Doch was haben die anderen mit dem Universum in mir zu tun?“ (Fernando Pessoa: Buch der Unruhe, 209)

2011 hatte ich einen längeren Erschöpfungszustand, der dazu führte, dass ich kaum Energie für soziale Kontakte hatte und mich alles binnen kürzester Zeit ermüdete. Ich fuhr im Sommer für einige Tage allein nach Budapest, um aufzutanken. Vor kurzem stieß ich wieder auf die Notizen, die ich damals gemacht hatte.