Gerüche, Geräusche, Reminiszenzen

1999

Das Kratzen der Stifte auf dem Papier, das hinter hohen Blenden auf den Holzpulten des Instituts für Kunstgeschichte lagert. Das Hüsteln der Seniorenstudenten, wenn sie den Professor diskret darauf aufmerksam machen wollen, dass sie auf eine seiner seltenen Fragen an das Auditorium eine Antwort wissen.

2001

Das Klimpern der Münzen in der blechernen Handkasse, die wehenden Schrittes in der Mittagspause vorbei an abertausenden von Touristen von Mozarts Geburtshaus zu Mozarts Wohnhaus getragen wird, lediglich durch ein leichtes Stofftuch getarnt.

2000

Das Schmatzen der Großmutter im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, der die Enkelin gezwungenermaßen geduldig einen Löffel Spirelli in den Mund schiebt.

2003

Der Geruch eines neuen Lebens in der Altbauwohnung in Döbling; Küche mit Duschkabine, Waschmaschine und Gasofen.

Der Geruch der schwarzen Lederjacke des Mannes, den ich einmal heiraten würde, ohne es zu beabsichtigen.

Das Flackern der Sonnenstrahlen, die wie Klamotten aus einem Second Hand Laden von der Fensterscheibe des gegenüberliegenden Wohnhauses in mein Zimmer geschleudert werden.

2005

Das leise Rattern des Neunerwagens, wenn er in seine Endstation gleitet und beinahe schweigsam zum Stillstand kommt.

2008

Ein stetes Pochen, verursacht von der Mieterin im Erdgeschoß, die mit ihrem Besenstiel seit einer viertel Stunde gegen ihre Zimmerdecke hämmert, weil sie mich gehen hören konnte.

2009

Das Zischen rasender ICEs vom gegenüberliegenden Rheinufer. Die Sirenen der Einsatzwagen, die Tag und Nacht zwischen dem Krankenhaus und diversen Unfallorten hin und her hetzen.

Das mühsame Keuchen der Motoren schwer beladener Frachtschiffe, die sich im Schneckentempo flussaufwärts kämpfen. Ein bisschen ist es am Rhein immer wie am Meer, wenn man seinen Blick so einrichtet, dass er gerade nicht bis zum anderen Ufer reicht.

2012

Je nach Windrichtung duftet es in Ottakring nach Schokoladefabrik oder Bierbrauerei. Durch die undichte Dachluke strömt ungebremst die Hitze herein und fesselt mich mit einer Sommergrippe ans Bett.

2013

Das Dröhnen und Donnern amerikanischer Militärflugzeuge beim An- oder Abflug von der Airbase Ramstein. Eine vage Vorstellung davon, was Krieg bedeutet. Nachts gröhlende Fußballfans und kreischende Amerikanerinnen in der Innenstadt.

2016

Die näselnde Stimme an der Supermarktkasse: „Número de Contribuinte?“

Das Glitzern des Tejo, Flamingos im Flussbett. Das Knacksen der Kakerlaken unter den Sandalen auf dem Weg ins Bairro Alto. Der Geruch modriger Häuser in der Graça. Pausenloses Hobeln und Klopfen eines Nachbarn, der restaurierte Kleinmöbel auf der Feira da Ladra verkauft.

2017

Der Schrei eines neugeborenen Babys. Immer wieder die Flugzeuge.

2019

Die heulenden Motoren auffrisierter Mopeds, auf denen wahnwitzige Jugendliche in Schwärmen durch die Dreißigerzone jagen. Der penetrante Geruch nach Kuhmist verrät, dass es heute noch regnen wird.